Licht für alle

imagesCALUK3UODie Menschen im Dorf sind älter geworden. Es gibt weniger Kinder und mehr Alte. Die Menschen möchten miteinander reden können ohne die beschwerlichen Wege auf sich zu nehmen. Sie möchten Erzählungen und Bilder austauschen, Filme und Unterhaltung erleben.
Im Dorf soll eine Datenautobahn gebaut werden. Dazu werden alle Häuser durch ein Kabel verbunden, über das Lichtsignale verschickt werden können. Die Lichtsignale können sich mit enormer Geschwindigkeit durch die Leitungen aus Glas ausbreiten. Die Kabel werden tief unter die Straße verlegt, verzweigen in alle Häuser, wo sie direkt an Computer, Telefone und andere Geräte angeschlossen werden.

Im Herbst beschließt die Dorfgemeinschaft einstimmig, die Datenautobahn zu bauen. Mit Rücksicht auf die Bauern, die die Felder bewirtschaften, wird festgelegt, dass bis zur Aussaat im Frühjahr alle Strassen wieder genutzt werden können. Sie legen wie gewohnt fest, dass Alle mit anpacken, Alle zu gleichen Teilen und jeder Einzelne so gut er kann.

Im Dorf wohnten früher viele Familien, in jedem Haus wohnten Großeltern, Eltern und Kinder beisammen. Die Großeltern halfen in der Küche und im Stall, sorgten für die kleinen Kinder während die Eltern mit den älteren auf dem Feld arbeiteten. In diesem Dorf wohnen heute drei Bauern, sie arbeiten und wohnen alleine, mit Traktoren und Robotern. Nur wenige Familien gibt es. Die Alten wohnen alle zusammen in einem Haus, ebenso wie die Kinder. Die jungen Leute wohnen alleine, für sich. Einige sind ohne Arbeit und die, die keine Ausbildung haben, werden von den Anderen unterstützt. Es gibt einen Bauarbeiter im Dorf, eine Lehrerin, zwei Erzieherinnen, zwei Popmusiker, einen Rennfahrer, ein Ärzteehepaar und einen Ingenieur, die meisten ohne Kinder.

Die Bauern schlugen vor, dass bei der Verlegung der neuen Kabel alle gleich viel Arbeit ableisten. Wie immer, sagten sie, soll jede verfügbare Arbeitskraft in jeder Woche bis zum Frühjahr einen ganzen Arbeitstag ableisten.
Da meldeten sich zwei, die ohne Arbeit und Einkommen waren: „Wir sind arm, wir haben nichts und können nichts. Aber wir haben ein Recht, wie jeder andere hier, auf einen Datenanschluss.“ Die Lehrerin sagte, dass sie unablässig in der Schule gebraucht werde und daher an ihrer Stelle einen Bauarbeiter schicken werde. Die Popmusiker erklärten, dass sie ihre Konzerte nicht absagen könnten. Sie wollten Ersatzarbeiter schicken. Die Erzieherinnen stellten klar, dass sie in der Kindertagesstätte unersetzlich seien, aber kein Geld hätten, um Ersatzleute zu senden. Sie wollten von der Dorfgemeinschaft wissen, wer den Anschluss der Datenautobahn zum Haus der Kinder, zum Haus der Alten und zu den Häusern der Armen legen wird.
Das könne nur von denen kommen, die mehr haben als sie brauchen, erklärte die Lehrerin.

Sie legte eine komplizierte Rechnung vor, die von jedem Popmusiker und jedem Rennfahrer zwei zusätzliche Arbeitstage und von den Ärzten einen zusätzlichen Arbeitstag verlangte. Da sprang ein Junge hoch, der die Lehrerin gut kannte, und rief laut: „Was ist das für eine krumme Rechnung. Die Popmusiker verdienen für zehn Arbeiter, sie zahlen aber nur zwei. Der Rennfahrer verdient acht Mal so viel wie der Arbeiter, zahlt aber nur zwei. Die Ärzte verdienen für vier und zahlen nur einen!“

„Von mir redest du gar nicht?“, fragte der Ingenieur, „weil du nicht weißt, was ich tue und was ich dafür bekomme.“
Der Ingenieur hatte etwas in einer langen Liste aufgeschrieben, das er jetzt mit ruhiger Stimme vortrug.
„Die Materialkosten für die Kabel sind verschwindend gering“, sagte er, „da besteht gar kein Problem“.
Der Straßenbelag könne nicht mit Manneskraft gebrochen werden, dazu würden spezielle Maschinen gebraucht, die nur von Spezialisten bedient werden können. Wegen der Gefahr, die Wasserrohre im Untergrund zu beschädigen, kann man weder Schaufel noch Pickel verwenden. Außerdem sei es wahrscheinlich, dass die alten Abwasserrohre Asbest enthalten. Dafür würden Spezialgeräte gebraucht, die nur von Fachkräften in wiresbesonderen Schutzanzügen bedient werden dürften. Die Kabel, die unterirdisch verlegt werden, seien hochempfindlich, nur Fachleute dürften diese anfassen. Die Arbeitsschutzvorschriften verlangen von jedem, der in den Kanalschacht hinuntersteigt, eine Sicherheitsausrüstung, eine Spezialausbildung und eine zusätzliche Versicherung. Außerdem sei es nicht mehr möglich, irgendein Vorhaben im öffentlichen Sektor exakt durchzuplanen. Zu groß seien die Unsicherheiten, die von der Kompliziertheit der Vorhaben und der Vorschriften ausgehe.

„Schließlich“, fasste der Ingenieur zusammen, „wird das hier verfügbare Geld bei weitem nicht ausreichen, um die Kabelverlegung zu bezahlen.“ Dazu müsste das Budget nahezu verdoppelt werden.

Die Lehrerin übernahm wieder das Wort: „Ich schlage vor, dass die Popmusiker, die Rennfahrer und die Ärzte den doppelten Einsatz übernehmen, denn alle anderen hier können das nicht.“ Die Ärzte gaben zu bedenken, dass das, was sie ausgeben sollten, weit mehr als einen zusätzlichen Arbeitstag in jeder Woche ausmache.

Der Ingenieur erklärte, dass die Lasten, die früher wie selbstverständlich innerhalb der Familie lagen, immer weiter, auf fernere Gruppen verschoben würden. Sie müssten neu verteilt worden, wenn es nicht anders geht. „Aber“, rief er mahnend den Anwesenden zu, „wenn du ein Haus baust, dann kannst du nicht das ganze Gewicht auf ein paar wenige Steine stellen. Das bleibt so nicht stehen.“ So könne nicht verlangt werden, dass Fremde die Last der Familien tragen, die keine mehr sein können oder sein wollen. Man dürfe nicht einigen Wenigen auflasten, was die Meisten schon selbst nicht schaffen. Diese Wenigen würden schon bald wegziehen aus dem Dorf.

Man solle das Datennetz deshalb nur zu den Häusern legen, wo die Menschen das bezahlen können. Auf diese Weise werde jedenfalls sichergestellt, dass wichtige Daten wie z.B. Röntgenbilder ausgetauscht werden können.

Die Mehrheit der Dorfbewohner entschied, dass das Datennetz wie angedacht für alle Häuser gebaut werde. Die Popmusiker sollten die Datenleitungen für zwölf Häuser bezahlen, der Rennfahrer für zehn und die Ärzte für sechs.

Ein Jahr später war der Rennfahrer weggezogen, an einen großen See irgendwo in den Alpen. Die Popmusiker, so hieß es, hatten in einem fernen Land einen sonnigen Strand gefunden und die Ärzte waren in Ruhestand gegangen.

Die Datenleitung wurde nicht gebaut, zu keinem Haus, auch nicht zu den wenigen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s