Wasser für alle

villageDas Vieh im Dorf muss täglich zweimal getränkt werden. Um das Wasser mit Eimern aus Brunnen hoch zu ziehen, brauchen die Menschen sehr viel Zeit und Energie. Aber auch für sich wollen die Menschen mehr Komfort mit fließendem Wasser, das in ihren Häusern direkt aus den Leitungen strömt.

Im Dorf soll eine Wasserleitung gebaut werden. Dazu wird das Quellwasser im Tal aufgefangen und hoch hinauf gepumpt auf den Berg, in einen unterirdischen Speicher. Von dort fließt es in eine große Leitung, die tief unter die Straße verlegt wird, verzweigt dann in alle Häuser, wo es unter großem Druck direkt und ohne Mühen aus dem Wasserhahn schießt. Zusammen mit dem Wasserrohr wird unter der Straße auch das Abwasserrohr verlegt. Im Herbst beschließt die Dorfgemeinschaft einstimmig, dass alle mit anpacken, um das ehrgeizige Vorhaben zu schaffen, alle Familien zu gleichen Teilen und jeder Einzelne so gut er kann.

Im Dorf wohnen viele Familien, die meisten sind Bauern. Es gibt mehrere Bauarbeiter, einen Lehrer, einen Pfarrer, einen Arzt und einen Bauingenieur, jeweils mit Familie. Um das Material bezahlen zu können, wurde festgelegt, dass jeder Bauer zwei Schweine gibt und alle, die keine Schweine besaßen, sollten jeweils den Gegenwert in Geld geben.
Die Bauern schlugen vor, dass bei der Verlegung der Rohre alle gleich viel Arbeit ableisten, die Handhabung von Pickeln und Schaufeln sei allen Erwachsenen im Dorf vertraut, auch den jungen Burschen. Damit das Vorhaben noch im Frühjahr vor der Aussaat abgeschlossen werden kann, so hatte der Bauingenieur errechnet, müsse jede verfügbare Arbeitskraft in jeder Woche einen ganzen Arbeitstag mitarbeiten.

Der Lehrer bat als erster darum, dass seine Arbeitszeit abgelöst werde, durch die Arbeitszeit eines Bauarbeiters. Er erklärte, dass seine Arbeit in der Schule von nöten sei. Außerdem sei es eine Verschwendung, wenn er seine zweimal mal so hoch bezahlte Arbeitszeit auf der Baustelle verlieren würde. Dort sei nämlich seine Arbeitszeit der eines Bauarbeiters gleichgestellt, dem nur der einfache Lohn zustehen würde. Er werde an seiner statt einen geschickten Bauarbeiter senden und ihn selbst entlohnen.

Der Arzt meldete sich und trug vor, dass er ständig gebraucht werde, von allen Kranken und den Alten, deshalb möchte er seine Ablösung durch einen Bauarbeiter bei der Schaufelarbeit. Seine viermal so teuer bezahlte Arbeitszeit sei beim Buddeln des Kanalschachtes verschwendet, er sende an seiner Stelle einen Bauarbeiter.

Da meldete sich der Pfarrer und sagte: „Ich werde jeden Tag gebraucht, um die Armen und die Kranken zu trösten, die Messe zu lesen und eure Kinder zu taufen. Mein Lohn ist das, was Ihr in der Kollekte gebt. Wie Ihr wisst, kann ich gerade einen Arbeiter damit bezahlen, den ich euch schicken werde.“

Da sprang der Ingenieur hoch und rief voller Wut: „Was seid Ihr Studierten doch für Narren. Ihr könnt euch nicht freikaufen von eurer Pflicht. Es gibt keine anderen Arbeiter in unserem Dorf, die ihr kaufen könnt mit eurem Geld. Alle Arbeiter hier sind bereits eingeplant. Wenn einer von euch nicht mitarbeitet, dann müssen wir die Leitung zu seinem Haus weglassen. Anderenfalls werden wir nicht fertig bis zur Aussaat.“
„Und außerdem ist es unmöglich zu verstehen“, fuhr er laut und deutlich fort „weshalb der Arzt den Wasseranschluss mit einem Viertel der Arbeitszeit begleichen kann, der Lehrer das Gleiche mit der Hälfte seiner Arbeitszeit schafft während der Pfarrer und alle andern mit der Gänze ihrer Arbeitszeit bezahlen müssten. Ist das gerecht? Wo es nicht gerecht zugeht, da geht es nicht lange gut.“

Nach diesen Worten verstummte die Runde. Beschämt nahmen die Wortführer ihre Arbeitspläne und gingen. Die Wasserleitung wurde gebaut, zu allen Häusern, von allen gemeinsam.

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