Jetstream Economy

flowpicDie Analyse der volkswirtschaftlichen Schieflage in den G7-Staaten kann man nicht mit der Aggregation gesamtwirtschaftlicher Funktionen betreiben, weil sie zu logischen Artefakten führt. In der Volkswirtschaftslehre betrachtet man vorwiegend einfache Modelle von Gleichgewichten und Gleichsetzungen. Die Analyse von Flussnetzwerken ist unbekannt, obwohl man heute mit datentechnischen Mitteln fast jeden Cent verfolgen kann und Modelle damit überflüssig werden.

Seit der Invasion von global angebotenen Billigprodukten gehen nicht nur Billigarbeitsplätze in den Industrienationen verloren, sondern auch die Verteilungsfunktionen, die damit zusammen hängen. Ein Billigarbeitsplatz sorgt dafür, dass Einkommen vom Käufer der Produkte zu den Arbeitern fließt, den Menschen also, die sich auf einfache Verrichtungen spezialisiert haben.

Fällt der Arbeitsplatz weg, entfällt die Verteilungsfunktion, nicht bloß die Einkommen. Dadurch eintsteht ein Strukturproblem. Wegen der mangelnden Möglichkeit, höhere Qualifikationen zu erwerben können die Arbeiter nicht auf andere Positionen ausweichen. Aufgrund vielfältiger technischer und organisatorischer Vorgaben (so benötigt z.B. jeder Organismus stets deutlich mehr Ausführungsorgane als Steuerungseinheiten) können fehlende Arbeitspätze für einfache Verrichtungen volkswirtschaftlich nicht kompensiert werden. Ohne passenden Umfang an einfachen Arbeitsplätzen muss der Staat die Verteilungsrolle übernehmen.

Heute werden im häufigsten Fall aus den

  • kleinen Einkommen von vielen Menschen
  • mit geringen Beträgen
  • sehr große Einkommen für wenige Menschen.

Als überzeichnendes Beispiel kann man die spanische Fußballliga betrachten. Als modernes Beispiel gilt die Entwicklung einer App für Smartphones bzw. iPhones.
Die großen Einkommen der Wenigen werden in diesem Fall nicht mehr in kleine Einkommen für Viele umgewandelt. Anders zeigt sich das, wenn Unternehmer ihre Gewinne reinvestieren. Wird in Sachwerte investiert, z.B. in neue Anlagen, neue Gebäude, neue Fahrzeuge etc., entstehen viele kleine Einkommen, weil viele einfache Verrichtungen gebraucht werden, um sie zu errichten bzw. herzustellen. Wird hingegen ein großes Einkommen genutzt, um einen Oldtimer zu ersteigern, folgt keine Umverteilung, das Einkommen bleibt im Kreis derjenigen mit großen Einkommen.

Wenn das Einkommen der Spitzenverdiener als Bankguthaben oder als risikoarme Finanzinvestition endet, ist es volkswirtschaftlich verloren.

  1. Es kann nicht mehr zurück fließen zu jenen, die es wegen ihrer ohnehin kleinen Einkommen zur Finanzierung ihrer elementaren Bedürfnisse benötigen. Die Möglichkeit, Kredite zu erhalten, um den Konsumbedarf zu decken, ist realistischer Weise auszuschließen.
  2. Die Bankguthaben der Spitzenverdiener können prinzipiell auch durch die Geldschöpfung der Zentralbank hergestellt werden.

Es ist gesamtwirtschaftlich belanglos, ob die monetären Geldvermögen existieren oder nicht.
Nur dann, wenn ein Finanzinvestor erhöhte Risiken in Kauf nimmt wie z.B. ein Startup zu finanzieren, kann sein Kapital etwas bewirken, das anderweitig (mit institutionellen Mitteln) nicht möglich ist. Die Scheu von Risiko kann dem vernünftig agierenden Investor nicht zur Last gelegt werden. Das Parken von großen Einkommen in risikoarmen Positionen bedeutet für jede Volkswirtschaft einen Aderlass. Die Aussicht auf Wirtschaftswachstum reduziert bekanntlich die Risiken von Investitionen aller Art. Die Abhängigkeit der G7-Staaten vom Wirtschaftswachstum ist bekannt. Ihr Ursprung liegt vermutlich in den fehlenden Verteilungsfunktionen.

Die Flucht nach vorne bzw. nach oben, in die Bildung, wurde zu Recht als Fehler kritisiert. Zum einen benötigt man nicht für jede Verrichtung einen akademischen Abschluß, zum anderen fehlen in der akademischen Ausbildung wichtige praktische Inhalte. Es wundert daher nicht, wenn Facharbeiter höhere Einkommen erzielen als Akademiker, die in der gleichen Branche arbeiten.

Die hier abgebildete Verteilungsfunktion ist das Gespenst der Volkswirte: Sie zeigt, wie ungleich die Einkommen in den Industrienationen (und weltweit) verteilt sind. Viele haben wenig Einkommen und Wenige haben viel Einkommen. Je weiter die Kurven von der Winkelhalbierenden (Diagonalen) entfernt sind, desto größer ist die Ungleichheit der Einkommen.
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USA und China sind inzwischen auf dem gleichen Niveau angelangt, nicht nur in Bezug auf die weltweiten Spionageaktivitäten, auch bei der Verteilungsgerechtigkeit befinden sie sich auf Augenhöhe.
Bedauerlich ist, dass in Deutschland 60% aller Einkommensbezieher (beginnend mit den kleinen Einkommen) nur 40% der Gesamteinkommen erzielen. Das kann jedoch im Vergleich zu den USA und zu China als Wohlstand eingestuft werden, wo die Mehrheit mit den kleinen Einkommen nicht einmal 30% des Volkseinkommens bezieht.
Die staatlichen Umverteilungsmaßnahmen sind auch in der Lorenzkurve abgedruckt. Ohne die Transfereinkommen stünde die Lorenzkurve Deutschlands noch hinter der von Russland.

Die Verteilungsfunktion erlaubt nur einen statischen Blick auf die wirtschaftlichen Verhältnisse in einer Volkswirtschaft. Sie sagt uns nicht, wie die Einkommen erwirtschaftet werden oder woher sie stammen.

Real nutzbares Kapital steht für Investitionen zur Verfügung. Der Bankkredit verlangt die größte Bonität und verträgt nur das kleinste Risiko. Damit ist nur ein kleiner Bruchteil der Bankguthaben real nutzbares Kapital. Der Rest wird nicht investiert, weil das Risiko zu groß wäre. Leider kann der Kontoinhaber nicht vereinbaren, welches Risikoprofil für Kredite aus seinem Guthaben gilt. Er kann lediglich sein Risikoprofil zur Beschränkung und zur Kontrolle seiner eigenen Investments (durch der Bank) hinterlegen.

Wenn nun jeder Inhaber eines Giro- oder Festgeldkontos seiner Bank sagen könnte „Ich gehe mehr Risiko, also gebt mir mehr Zinsen!“ oder „No risk, das Geld wird gebraucht!“ ergäbe sich ein größerer Nutzen von angesammelten Einkommen.

  1. Auch diejenigen würden einen Kredit erhalten können, die höhere Ausfallrisiken mitbringen.
  2. Diejenigen würden höhere Zinsen erhalten, die größere Ausfallrisiken decken.

Eine Bank, die solche Einlagendifferenzierungen anbietet, würde selbst zum Kreditvermittler werden. Wenn die Kreditnachfragen durch Zuordnung von Risikoprofilen standardisiert sind, kann die Aufgabe der Kreditvergabe als „matching problem“ angesehen werden, das mit datentechnischem Mitteln vollständig automatisiert werden kann.

Die staatliche und suprastaatliche Einflussnahme auf das Risikoverhalten aller Banken ist eine Fehlentwicklung. Schreibt sie den Banken vor, alle Einlagen gleich und ausschließlich nach der Maßgabe der größten Risikoscheu zu behandeln. Es darf nicht verwundern, dass Investoren danach trachten, ihr Kapital dem deutschen Staat zu geben, gegen das Versprechen einer sicheren Rückzahlung. Die Sicherheit ist ihnen sogar einen Abschlag von Zwei von Hundert wert. Wie es scheint, haben hoch verschuldete Industriestaaten einen sehr großen Bedarf an günstigen Krediten. Da ist die Scheu vor Risiko nicht nur billig, sondern höchst willkommen.

Wenn es zutrifft, dass das Einkommen in der Hand derer, die viel davon haben, volkswirtschaftlich untergeht,
dann

  1. wird der Bedarf an staatlicher Umverteilung kontinuierlich steigen,
  2. werden die westlichen Industriestaaten weiter verschulden und ihre geldpolitischen Eingriffe ausweiten müssen, um finanziell überleben zu können,
  3. wird Kapital langfristig wertlos und
  4. damit das Sparen sinnlos.

Es sind Maßnahmen erforderlich, die eine Umverteilung von Einkommen auf der Basis von Arbeit und Leistung ermöglichen. Sogenannte 400-Euro-Jobs, die mehrheitlich in Supermärkten der Regalpflege dienen, sind als Umverteilungsjobs völlig ungeeignet. Die Bereitstellung von Dienstleistungen ist insgesamt wenig geeignet, da die Möglichkeiten, persönliche Dienste in Anspruch zu nehmen, zeitlich eng limitiert sind. Es bedarf der Herstellung von Produkten, die sehr hochwertig und nicht langlebig sind, mit einem extrem hohen Lohnkostenanteil und einem äußerst geringen Anteil an seltenen Erden und Edelmetallen.

Das Einkommen derer, die sehr viel besitzen, kann umverteilt werden zu jenen, die es am dringendsten benötigen, wenn man auf fruchtbaren, unverseuchtem Ackerboden, der inzwischen sehr begrenzt existiert, Lebensmittel von höchster Qualität herstellt und diese exklusiv vermarktet.

Schade ist, dass die Kreativität der Menschen schwindet. Die Innovationen des letzten Jahres kann man in einem Wort zusammen fassen: „App“. Es scheint, als hätten alle die gleichen Ideen, als wollten sie das Gleiche studieren, die gleichen Fahrräder und die immer gleichen Marken. Das ist die Folge einer Angleichung der Lebensverhältnisse, der Kindheitserfahrungen, der Prägungserlebnisse und der Gleichheit der Lernumgebungen. Wie viele Kinder wachsen heute auf einem Bauernhof, auf einem Campingplatz, in einer Burg, in einem Wirtshaus auf? Wie viele Kinder sind heute nicht schon ab 0.5 Jahren in der Kita? Kein Wunder also, dass alle das Gleiche denken.