Seduktionsökonomie: Reptilhirne als Zielgruppe

fat: desgigned by industryEs stellt sich immer klarer heraus, dass orales und mediales Konsumieren fett, dumm und aufmerksamkeitsgestört macht, auf Dauer ungesund ist und das Leben verkürzt. Weil mit dem Leben auch die Fähigkeit zu konsumieren endet, wird sich eine Ökonomie der Seduktion, die ihre Zielgruppen primär als mobile Reptilhirne betrachtet,  langfristig selbst das Licht ausblasen.
Tagtägliche Beispiele für die Allgegenwart der Seduktionsökonomie sind:

  • „Nimm 3,  zahl 2“
  • „Nur heute: 20% auf Alles“
  • „Sonderpreis“
  • „Sondergröße“
  • „Sondermodell“

Dem Konsumenten wird in solchen Fällen suggeriert, dass er zugreifen müsse, um

  • nicht mit leeren Händen nach Hause zu kommen oder
  • nicht als unfähig zu gelten, etwa weil er Schnäppchen (Beute) übersehen hat.

Der Appell erfolgt in all diesen Fällen direkt an das menschliche Reptilhirn (Archäocortex), das blitzartig zu reagieren gelernt hat. Die Evolution scheinen nur diejenigen Primaten überlebt zu haben, die ohne Zwischenschaltung von höheren Hirnregionen blitzschnell auf Chancen und Gefahren reagieren können. Wörter wie ‚einmalig‘ oder ’nur heute‘ scheinen diese Reaktionen zu triggern.

Die Verkaufsmasche ist inzwischen so weit verbreitet, dass Normalpreise von Artikeln des täglichen Gebrauchs als völlig ungewohnte Preise, als sog. Mondpreise, erscheinen. Die systematische Seduktion kann aber auch als eine Ursache für die Verschwendung von Lebensmitteln gelten, da der Mehrkonsum jenseits des rational kalkulierten und über den tatsächlichen Bedarf hinaus angereizt wird.

Inzwischen sind die Konsumenten allenthalben abgestumpft. Sie kaufen überwiegend diejenigen Yoghurt-, Kaffee- und Biersorten, die im Angebot sind. Aus Erfahrung wissen sie, wann welche Sorten zu Sonderpreisen verfügbar sein werden. Die Ökonomie der Verführung, die den Kosumenten fortlaufend zu Kaufakten bewegt, kommt an Grenzen. Dabei zeigen sich auch harte Grenzen:

  • Die Budgets der Verbraucher, die nach Ende der geldpolitischen Alimentierung keine zusätzlichen Mittel freigeben.
  • Die Körperfülle, die immer mehr Konsumenten unbeweglich werden lässt.
  • Die Gesundheit, die etwa durch Häufung von Diabetes mellitus- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen geschädigt wird und so alle Konsuminteressen aufhebt.

Die Seduktionsökonomie ist volkswirtschaftlich schädlich, denn sie fördert nicht die Effizienz, sondern steigert die Verschwendung.

Wünschenswert und ökonomisch zielführend ist es, wenn Restbestände, Restposten und vor dem Verderb stehende Produkte einen Käufer finden und auf diese Weise noch Nutzen stiften können. In allen Fällen jedoch, wo lediglich der Anschein eines Resteverkaufs gegeben wird, ohne dass tatsächlich eine Knappheit besteht, führt es zur Täuschung der Käufer. Langfristig schadet dieses Verhalten sogar allen Marktteilnehmern. Kann Preiswettbewerb stattfinden, wenn ein Anbieter mit Hilfe von Aktionen und Sonderspektakeln fortwährend die rationalen Entscheidungsprozesse aller Käufer blockiert? Nein, daher müssen alle Anbieter diese Spektakel aufführen. Dieses rituelle Verhalten verhindert, dass ein Anbieter ausscheiden muss, wenn er nicht hinreichend kostengünstig beschaffen oder herstellen kann. Das Karusell der Aktionen gibt nämlich jedem sein Stück vom Kuchen.

Wenn es einem Anbieter auch noch gelingt zu zeigen, wie eine große Menschenmenge zu ihm in die Verkaufsstellen strömt, wird die Rationalität der potenziellen Käufer massiv eingeschränkt. Der damit ausgelöste Herdentrieb kann den Frontallappen des Neocortex, wo der Wille der Persönlichkeit gesteuert wird, komplett aushebeln.

Moderne Volkswirtschaften werden langfristig keinen Bestand haben,

  • wenn sie ihren Teilnehmern erlauben, sich wie Tiere zu verhalten oder
  • auch manchen Teilnehmern gestatten, ihre Marktpartner wie Tiere zu behandeln.

Die Triebe sind Überbleibsel der Evolution. Sie sollten die menschliche Rasse daran hindern auszusterben. In der  risikoträchtigen Umgebung der frühen Steinzeit gab es keine Alternativen zu bedenken: Weder bei der Wahl der Nahrungsmittel und der Grundversorgung, noch bei der Wahl der Geschlechtspartner und der Fortpflanzung. Derjenige, der schnell zuschlagen konnte, war weiter. Die unmittelbare und direkte Reaktion auf Herausforderungen, Chancen wie Risiken gleichermaßen, wurde zum zentralen Erfolgskriterium des Homo sapiens, herauspräpariert von der Evolution.

Das Erfolgsmodell der Natur, in dem die Stärksten und Schnellsten das Überleben sichern, wird heute, nach und nach, zur Altlast.

Advertisements

4 Gedanken zu “Seduktionsökonomie: Reptilhirne als Zielgruppe

  1. Abermals: Das Schema, das die Menschen erlernt haben, und das sie ohne es zu wissen, beständig anwenden, ist das Essen im Nebenher. Die Menschen pflegen die Gemeinschaft beim Essen nicht mehr, sie erziehen ihre Kinder nicht dahingehend, dass man beim Essen nur isst und sich dabei ggf. noch unterhält, und zwar so lange, bis der Bauch sagt: „Ich habe genug“.
    Das ist 1. Selbststeuerung, 2. Volle Energieaufnahme, 3. Gemeinschaftserlebnis.
    Wenn jemand aus irgendwelchen Gründen, und sei es nur, weil er Angst hat, dass der Magen drückt, zu wenig Nahrung aufnimmt, schickt ihn sein Unterbewusstsein, sein Reptilgirn, in den Zwang, auf Nahrungssuche gehen zu müssen: Er stopft rein, was er findet, meist ohne es zu merken.
    Gordon Ramsey hat das in einem Beitrag über die asiatische Küche so formuliert: „In Asien zelebriert man das Essen, sitzt zusammen und freut sich das gute Essen.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s