Ende der Industrialisierung

Wie lässt sich die Ära der Industrialisierung kennzeichnen?

Wenn Menschen Aufgaben zu erledigen haben, die gleichartig wiederkehren, kann man diese entweder nach

  1. der Gleichartigkeit der Verrichtungen oder
  2. der Ähnlichkeit der Erzeugnisse

zusammenfassen. Nach gleichen Verrichtungen zu bündeln führt zur Spezialisierung der Tätigkeiten, z.B. lackieren, schweißen, montieren. Nach ähnlichen Produkten zu bündeln wird für die Herstellung von Spezialprodukten erforderlich. Dabei treten vielfache Werkzeugwechsel auf, dadurch lässt sich die Arbeit jedoch anspruchsvoll und aabwechslungsreich gestalten.

Die Ära der Industrialisierung geht zu Ende.

Kennzeichen: ‚Alle verrichten das Gleiche‘

Leider hat die Industrialisierung die Menschen nachhaltig verändert: Sie haben gelernt, das Gehirn bei der Arbeit abzuschalten und, dass eine einzige Ausbildung zur Spezialisierung auf eine Menge von Verrichtungen genügt, um ein Leben lang Einkommen zu erzielen. Viele dieser Menschen haben heute bereits nur noch einen Minijob. Das Resultat der Industrialisierung ist eine Gleichschaltung in den Köpfen: ‚Alle denken das Gleiche, kaufen das Gleiche, wollen das Gleiche“ Die Individualität ist nur noch dadurch gestaltbar, dass industriell in Massen hergestellte Produkte selektiert werden. So endet die Industrialisierung in einem Desaster, der fatalen Erkenntnis, einen immanenten Widerspruchs aufgesessen zu sein: „Du bist ein Individuum, kannst dir aber keine Individualität leisten!“

Es folgt die Phase der kooperativen Entwicklung.

Kennzeichen: ‚Jeder macht etwas Spezielles‘

Die wichtigste Voraussetzung für die Kooperation ist die Fähigkeit, präzise und effizient zu kommunizieren. Die Verständigung erfolgt mit Begriffen, die jeweils genau eine fachspezifische Bedeutung führen. Über Unbekanntes, z.B. neuartige technische Vorrichtungen, kann man sich nur verständigen, wer ähnliche Erfahrungen oder gleiche theoretische Kenntnisse einsetzt.

Die Kooperative Entwicklung ist kein Comeback der Individualisten oder eine Auferstehung des Handwerks. Vielmehr ist entscheidend, dass Einzelpersonen aufgrund der stetig wachsenden Komplexität in fast allen Lebensbereichen nicht mehr in der Lage sein werden,

  • vernünftige Kaufentscheidungen mit langfristiger Tragweite zu treffen oder
  • Entwurfs- und  Investitionsentscheidungen hinreichend vorzubereiten oder umfassend zu begründen.

Individuen werden nicht mehr in der Lage sein, ein Anwendungsgebiet, nicht etwa Fachgebiet,  so weit zu durchdringen, dass sie ein innovatives Produkt bis zur Marktreife entwickeln könnten.

Symptome des Abgangs

Das Ende der Industrialisierung zeigt sich in an vielen Symptomen, u.a.

  • am Verfall der Produktqualität (z.B. der steigenden Zahl von Rückrufaktionen bei Automobilen, von Softwareupdates)
  • in der Tendenz zu höchster Produktkomplexität (Fertigungstiefe, Gleichteile, Variantenvielfalt, Funktionsoverkill)
  • an der Tendenz zur Maßkonfektionierung (System statt Produkt, Einsatzabhängigkeiten zwischen Produkten, Produktfamilie mit Vollspektrum)

Vergleicht man die Hersteller von modernen Industrieprodukten mit den Anwendern hinsichtlich ihrer Kompetenz der sicheren Produktverwendung, wird schnell deutlich, dass Anwender nur einen Bruchteil des Funktionsumfangs kennen und bei der Behandlung von Ausnahmen überfordert sind. Der herstellerseitigen Spezialisierung steht nämlich regelmäßig ein eklatanter Mangel an Wissen und Erfahrung gegenüber, wenn es um den Produkteinsatz geht, sei es eine Umwälzpumpe, ein Virenscanner oder ein Pestizid.

Die Industrialisierung endet also nicht etwa deshalb, weil billige Massenarbeitskräfte fehlen -die existieren zu Hauf in den Schwellenländern-, sondern weil die Nutzung der Produkte -vereinfacht formuliert- zu viel Stress verursacht.
Selbst die Firma Apple wird scheitern bei dem Versuch, die Funktionen und den Zweck der iWatch zu erklären, wie zuvor schon google’s glasses.
Im Übrigen: iWatch oder iBrille sind so nützlich wie eine Zweitzahnbürste.

Angebot und Nachfrage werden durch die Preisbildung quantitativ zum Ausgleich gebracht. Überangebote müssen verramscht werden, Nachfrageüberhänge ziehen die Preise -wie zuletzt beim Immobilienmarkt- nach oben.

Die Herstellung und Anwendung von Produkten verlangen ebenso nach einem Ausgleich, dem qualitativen Ausgleich. Die Volkswirtschaftslehre ignoriert diese Fragestellung beharrlich, weil sie fachlich-inhaltlich gestellt wird: Wie wird die Qualität eines Produkts -unabhängig vom jeweiligen Markt- gemessen? Welche Qualität haben der Toaster, die Waschmaschine, der TV, der elektrische Strom? Klassische Ökonomen lehnen solche Fragen ab, weil es die zentrale Aufgabe der Marktteilnehmer sei, das Maß des Ausgleichs zu finden. Schließlich könne jede Qualität abgesetzt werden, das sei nur eine Frage des Preises.

Billigste Produkte mit minimaler Nutzungsdauer

Was folgt jedoch, wenn die Konsumenten nur noch billigste Produkte mit minimaler Nutzungsdauer, wie z.B. IKEA LACK für 8€, LUMIA Handy für 100€, Küchenblock für 300€, erwerben? Es kann keinen Ökonomen kalt lassen, wenn jährlich 50 Millionen Tonnen Elektromüll wild entsorgt werden und die darin enthaltenen Ressourcen, z.B. seltene Erden, dauerhaft verloren gehen. Es kann niemals plausibel sein, wenn jemand diese Mentalität des Wegwerfens als vernünftig beschreibt. Selbst wenn die externen Effekte samt Staatsversagen der Grund für die Verschwendung sein mögen, es bleibt eine Verschwendung, die in unserem Wirtschaftssystem so angelegt ist: Wenn es bei uns nicht die kostenfreie Sperrmüllabfuhr gäbe, wären wir an unserem Müll schon längst erstickt, weil fast jeder seinen Abfall straßenseitig entsorgen würde.

Weil es eben für jede Qualität einen Markt gibt, braucht man keine Begabung, um weiter sinkende Preise für Industrieprodukte -zunehmend made in China- prognostizieren zu können. Hersteller, die von je her auf Qualität setzten, wie z.B. Kettler, Miele, Grohe, werden nicht dauerhaft gegen den Strom schwimmen können. Denn die gesamte Wahrnehmung des Preisgefüges bestimmt den Erwartungswert des Preises, und der wird zu 85% von den Massenanbietern bestimmt. Eine Waschmaschine für 2000€ zu erwerben, wenn der Erwartungswert bei 350€ liegt, wird von den Konsumenten als absurd betrachtet und das Produkt wird ignoriert.

Derzeit treibt der Preis die Qualität in der industriellen Massenproduktion vor sich her, und zwingt sie dabei in die Knie.

Zudem können höhere Qualitäten nicht mehr als höherwertig vermittelt werden. Weder erscheint es glaubhaft, denn auch in Miele-Produkten finden sich Teile aus Asien oder Apple-Produkte kommen made komplett in China zu uns, noch können neue Funktionen hinreichend erklärt werden, z.B. KNX@home. Der Wettbewerb um die Produktqualität findet seine Grenzen

  • an unzureichenden Budgets (die Wertschöpfung chinesischer Fabrikarbeiter wird nicht mehr kaufkraftwirksam im us-amerikanischen Handymarkt) und
  • bei fehlender Kompetenz oder mangelnder Bereitschaft der Kunden, komplexe Produkte bestimmungsgemäß anzuwenden (Anleitungen aller Art bleiben ungelesen).

Der Wandel: Wer kann was?

Der jüngeren Generation scheint heute die Fähigkeit zur zielorientierten, fachgebundenen Verständigung zu fehlen, sowohl in der schriftlichen, als auch in der mündlichen Form. Zu wenig wird die zielorientierte Kommunikation in aktiver Rolle mit intellektueller Ausrichtung trainiert. Zu lange schon wird das schablonenhafte Bulimie-Lernen praktiziert, als richtiges Verhalten an Schulen und Hochschulen belohnt, obwohl es in großem Umfang zu fragmentiertem, pseudolexikalischem Wissen führt.

Als das Ende kam: Una storia importante

In der Endphase der Industrialisierung, als die Sättigungssignale unübersehbar wurden (Stagnation, Obsoleszensprodukte, Infertilität, Adipositas, Diabetes, Altersdemenz, ADHS, Stupidität) wurden Marketinginstrumente entwickelt, um die Budgets, die regelmäßig Kindern und Jugendlichen zur Verfügung gestellt wurden, erheblich auszudehnen. Minderjährige wurden als wichtige Zielgruppe für den Absatz von Massenprodukten erkannt. Mit dem Konzept der systematischen Verführung (tracked seduction) gelang es, den Markt umfassend zu erschließen, vor allem dort, wo die elterliche Führung fehlte. Die jungen Konsumenten waren für jede Form der werbenden Information empfänglich, ihr Konsumverhalten galt als steuerbar.

Die zunehmende Ausbeutung der Minderjährigen zu Konsumzwecken zeigte Konsequenzen: Jugendliche in der EU hatten durchschnittlich mehr als sieben Stunden Medienkonsum (Gaming, zocken, TV, etc) täglich bzw. mehr als zehn Stunden in den USA. Im Experiment zeigt sich, dass bereits nach mehr als 3 Stunden täglichen Medienkonsums die Gehirne Jugendlicher so abstumpfen, dass normale Reize (zuhause oder in der Schule) nicht mehr ausreichen, um zu ihnen durchzudringen. Sieben Stunden Medienkonsum wird von Hirnforschern auch als Fulltime-Verblödung bezeichnet. Ein voll-verblödetes Gehirn kann nur noch als Reiz-Reaktions-Apparat genutzt werden: Zeig ihm eine Pommes, er frisst es. Zeig ihm einen Apfel, er frisst ihn nicht. Warum? Er kennt den Apfel nicht. Warum erkennt ihn der Apparat nicht? Weil niemand rechtzeitig, d.h. bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres, Werbung für den Apfel geschaltet hat. Die Pommes von Big-M ist hingegen positiv verschaltet.

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