Abwärts, Freunde! Abwärts!

Die durchschnittlichen Arbeitseinkommen in Deutschland zu betrachten, wenn es um die Beurteilung der wirtschaftlichen Entwicklung geht, ist töricht. Wie die Einkommen auf die Erwerbstätigen verteilt sind, das ist zu fragen, dargestellt als Lorenzkurve. lorenzG7 Das Armutsrisiko für Berufseinsteiger in Deutschland hat sich nach einer Studie des DIW in den letzten Jahren erhöht: Von den 25- bis 35-Jährigen habe fast jeder Fünfte weniger als 650 Euro pro Monat zur Verfügung. Für Alleinlebende in dieser Altersgruppe sei die Armutsrisikoquote

  • von ca. 27 Prozent im Jahr 2000
  • auf ca. 39 Prozent im Jahr 2012

gestiegen. Der Gini-Koeffizient ist ein Maß für die Konzentration der Einkommen auf die Erwerbstätigen, er lässt sich als diejenige Fläche verstehen, die zwischen der Diagonalen (Gleichverteilung) und er Lorenzkurve eingeschlossen wird. Je größer der Wert [0..100], desto ungleicher sind die Einkommen verteilt.

 eurostat 06/2015 Gini-Koeff. Gini-Koeff. Gini-Koeff.
Jahr Deutschland Norwegen Griechenland
2005 26,1 28,2 33,2
2006 26,8 29,2 34,3
2007 30,4 23,7 34,3
2008 30,2 25,1 33,4
2009 29,1 24,1 33,1
2010 29,3 23,6 32,9
2011 29 22,9 33,5
2012 28,3 22,5 34,3
2013 29,7 22,7 34,4
Gini-Koeffizient 06/2015 eurostat Deutschland

Gini-Koeffizient 06/2015 eurostat Deutschland

Fragen:

  1. Was hat die Einkommensverteilung in Norwegen seit 2006 verändert?
  2. Warum ändert sich nichts in Griechenland?
  3. Warum steigt die Einkommenskonzentration in Deutschland seit 2012 wieder an?

Arbeitsvolumen

Geleistete Arbeitsstunden in Deutschland [in Millionen]

Zu 3) Die Produktivität und die Nettoreallöhne sind seit 2012 in Deutschland nicht mehr gestiegen. Weil seit Jahren das Arbeitsvolumen  stagniert, konnten die Einkommen aus Erwerbstätigkeit nicht zulegen.  Die zunehmende Konzentration folgt also der Steigerung der Vermögenseinkommen, die jedoch in 2014 schon wieder endete. Wie kann man die Ungleichheit der Einkommen dauerhaft reduzieren?

Umverteilung, how to?

Es genügt nicht, die Vermögen einmalig umzuverteilen: Die Erträge aus Kapital sind Schwankungen unterworfen und wegen der Qualifikationsunterschiede der Investoren wird es binnen kurzer Zeit erneut zu Verteilungsunterschieden kommen, jedoch in einem noch größeren Ausmaß, da die Kapitalgewinne der Erfolgreichen als deren Einkommen dazu zählten. Wenn man die Vermögen immer wieder umverteilt bzw. umverteilen muss, hat das drastische Konsequenzen: Die Erfolgreichen wären langfristig nicht bereit, als diejenigen, denen die Anpassung an die sozioökonomioschen Bedingungen am besten gelungen ist, die Belastung zu übernehmen, die sich für alle Erfolglosen zusammen ergibt. Klammert man die Wachstumsillusion aus, die aus der Inflation erwächst, wäre es notwendig, um den Konzentrationstendenzen entgegen zu wirken, regelmäßig alle Aussichten auf Gewinn oder wirtschaftlichen Erfolg zu blockieren. Diese triviale Erkenntnis war den Verfechtern des Kommunismus verwehrt, sie war ihnen nicht einmal klar, nachdem sie am wirtschaftlichen Niedergang ganz Osteuropas vorgeführt worden war. Die Umverteilung des Arbeitspensums wird ebenfalls ohne Effekt bleiben: Höher bezahlte Arbeitskräfte sind stark nachgefragt und nur selten gelingt es, zusätzliche Arbeitskräfte bei gleicher Qualifikation mit freien Kapazitäten zu finden. Die gering bezahlten Kräfte zur Beschränkung ihrer Arbeitstätigkeit -bei ansonsten konstanter Produktivität- aufzufordern, wird keine Aussicht auf Erfolg beschieden sein.

Wachstum, was ist das?

Substanzielles, heute vielfach als ’nachhaltig‘ bezeichnetes, Wirtschaftswachstum ist Bevölkerungswachstum. Wenn das Arbeitsvolumen bei konstanter Produktivität nicht wächst, kann maximal nichts zusätzlich verteilt werden. Wenn weder ein Gewinn an Produktivität erzielt wurde, noch ein größeres Arbeitspensum möglich ist, beherrscht Stillstand den Status Quo.

Faktoren, die die Geburtenrate sinken lassen:

  • Angleichung des äußeren Erscheinungsbildes aller Menschen, etwa wenn Frauenfußballer wie Fußballspieler aussehen,
  • Angleichung der berufsbezogenen Tätigkeitsfelds, wenn z.B. Frauen im Heer kämpfen,
  • Angleichung der verhaltensbezogenen Erwartungen, wenn z.B. Väter Babys versorgen.

Die Präferenzen der Menschen hinsichtlich ihrer fortpflanzungsfähigen Partner sind in der Moderne stetig ausdifferenziert. Ein IT-Spezialist liebt z.B. die Häuptlingstochter vom Amazonas, ein Autohändler wünscht sich eine Panzer fahrende Blondine an seiner Seite. Ausdifferenzierte Wunschvorstellungen lassen die moderne Partnersuche schwierig, wenn nicht aussichtslos, erscheinen. Die Tendenz zu homosexuellen Partnerschaften entspricht dem Wunsch nach abgehobener Individualität, wie er in der Pubertät auftritt. Je ähnlicher die Lebensbedingungen werden, desto größer wird der Wunsch nach einer Invariante, die sich von der Masse abhebt.

Faktoren, die das Wirtschaftswachstum behindern:

  • Angleichung der Lebensverhältnisse,
  • Angleichung der Anspruchsniveaus,
  • Angleichung der Zielvorstellungen,
  • Angleichung der Denkmuster.

Wenn alle Supermärkte und Shopping Malls weltweit das gleiche Sortiment anbieten, alle Menschen die gleiche Sprache sprechen und die gleiche Kleidung bevorzugen, wird das Interesse an fremden Kulturen schwinden und als Antrieb für den Tourismus ausscheiden.

Kinder als Wachstumsmotor:

Wenn ein Kind zur Welt kommt, hat es -nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen- zwischen 50% und 85% seines Potenzials (an körperlichen und geistigen Fähigkeiten) geschenkt bekommen. Das Geschenk der Potenziale beinhaltet

  • eine geniale Sprechfähigkeit,
  • eine einmalige Auffassungsgabe und
  • ein umfassendes Paket aus visumotorischen Fähigkeiten.

Verglichen mit den Anfängen der Evolution, von den Einzellern bis zu den Primaten, besitzt der Mensch bereits bei Geburt ein unfassbar großes Kapital an Fähigkeiten, für das er überhaupt nichts aufzuwenden braucht. Die Vorleistung wurde von der Menge aller Lebewesen erbracht, die lange vor ihm ihre Potenziale erfolgreich einsetzten. Fast täglich scheint der Alltag der Menschen komplexer, anspruchsvoller und aufwändiger zu werden. Die Flexibilisierung der Arbeitstätigkeit bestimmte in den letzten Jahrzehnten das Leben und veränderte den Alltag grundlegend. Für Familie und Kinder bleibt heute kaum noch Platz. Kinder werden heute so früh wie möglich abgegeben – ganztägig. Die Vernachlässigung der Kinder wird heute nicht mehr thematisiert, weil sie der Staat fördert und die Gesellschaft -außerhalb Bayerns- gutheißt. ADHS, LRS, Dyskalkulie: Das könnten auch  Symptome eines zunehmend irregeleiteten Elternverhaltens sein, oder schlichtweg Ausdruck einer Wohlstandsverwahrlosung. Die Menschen scheinen ihr Ziel, sich zu reproduzieren und ihr Leben weiter zu verschenken, aus den Augen verloren zu haben. Aus nicht sofort erkennbaren Gründen tendieren sie überwiegend zu narzisstischen Verhaltensmustern und bevorzugen solche Ziele, die

  • mit überschaubarem Aufwand
  • kurzfristig erreichbar sind.

Die Menschen reisen jetzt kürzer, ihre Möbel werden billiger, die Autos sind geleast, ihre Häuser und Wohnungen kleiner. Die Elektrogeräte  halten nicht mehr lange. Es scheint, als ob alles auf Abruf angelegt ist, Obsoleszens ist nun Lebensorientierung. Das Verhaltensmuster des kurzfristigen Opportunismus ist durchaus rational, wenn die Akteure jeweils isoliert betrachtet werden. Nimmt man jedoch die gesamte Volkswirtschaft in den Blick, erscheint

  • der Erhalt des individuellen Lebens oder
  • die Maximierung der individuellen Lebensdauer -ohne dabei ein Lebensziel vor Augen zu haben-

als ein trostlos anmutender Selfie-Versuch, der keinen langfristig stabilen Anreiz bietet und keine Anstrengung rechtfertigen kann.

Ein Leben ohne Aussicht auf Wachstum wird nicht wert sein, gelebt zu werden.

Verwaltung des Stillstands

Wer wissen möchte, wie sich ein System entwickelt, das im Kern den Status Quo als ideal festgelegten Ausgangszustand zu erhalten hat, analysiere die Bundeswehr. Die Bundeswehr kennt kein Wachstumsmotiv, sie kann sich nicht zielorientiert weiterentwickeln. Die Bundeswehr hat nur eine Abwehrfunktion, und diese auch nur im Fall eines von außen an sie herangetragenen Auftrags. Diese aufgezwungene Passivität hat systematische Effekte für die mentale Verfassung aller Mitglieder der Streitkräfte. Wenn das Abwarten erst zum Denkschema geworden ist, kann jede Reparatur, jede Ersatzteilbeschaffung so lange aufgeschoben werden, bis sich der konkrete Mangel zeigt. Gedanken an die Zukunft oder Planungsaktivitäten sind bei der Verwaltung des Stillstands überflüssig.